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2 Brillen

Man kann eine Sache bekanntlich von verschiedenen Seiten betrachten oder anders ausgedrückt man kann unterschiedliche Brillen aufsetzen um etwas zu beschreiben. Dabei kommt man zu erstaunlichen Ergebnissen: 1. Brille: Im Zentrum von Sao Paulo gibt es viele Obdachlose, viel zu viele. Im Anbetracht der Olympischen Spiele und der Weltmeisterschaft 2014 ist das wirklich ein ernsthaftes Problem. Normalerweise stehen Touristen eher auf superschicke neue, moderne oder wenns sein muss, auch historische Gebilde. Natürlich dürfen schöne, leicht bekleidete Frauen und heiße Sambarhythmen nicht fehlen. Das mit den Sambarhythmen ist auch gar nicht so weit hergeholt, die leicht bekleideten Frauen, dagegen sind vielleicht etwas zu leicht bekleidet und nicht zum Vergnügen an bestimmten Stellen positioniert. Aber zurück zum Hauptproblem: die Masse an Menschen, die sich so manchen gesellschaftlich festgelegten Regeln wiedersetzt, verhaltenstechnisch, politisch, konsumtechnisch, geruchstechnisch, hygienisch, modetechnisch,… Zum Glück wurde im Januar 2012 für dieses Problem eine Lösung gefunden: Alte, zerfallenen Gebäude abreisen – neue hochmoderne Schulen bauen! Die Masse an Menschen zerstreuen, einen Teil einlochen, den anderen wegtransportieren! …über welches Problem sprachen wir nochmal? Olympia und Weltmeisterschaft – Sao Paulo ist auf euch vorbereitet!!! 2. Brille: Eine Stunde zu Fuß in Sao Paulo unterwegs. In einem Haufen aus altem Karton und anderem Müll wühlen 3 Männer und eine Frau, schmutzig, mit abgenutzten Kleidern, fehlenden Zähnen. Am bekannten Platz Praca da Sé viele kleine Gruppen von Menschen, die die Straße ihr Zuhause nennen. Manche sitzen entspannt, mache etwas zu entspannt, auf dem Boden. An allen Ecken und Enden sieht man einen Haufen an alten abgenutzten Decken, unter denen sich menschliches Leben verbirgt. Entlang einer der vierspurigen Hauptstraßen auf den mit Graß bedeckten Flächen sieht man improvisorische Zelte aus alten Decken und Kartons, in denen Menschen leben. Unter den Brücken entdeckt man kleine Gruppen, die irgendwelche Materialien rauchen. Jeder zehnte den man begegnet scheint mit seinem gesamten Hab und Gut unterwegs zu sein…wenn man in die Gesichter schaut: Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Drogenkonsum, Alkohol, …Problem gelöst!???? Kleine Zusatzinformation: Wenn man nachts auf den im Januar geräumten Straßen unterwegs ist, sind diese voller denn je…nicht mit neuen Gebäuden, Müll, oder ähnlichem…voll von menschlichen Leben, deren Mittelpunkt die Straße ist. Liebe LeserInnen, wählt selbst die Brille durch die ihr die Welt sehen wollt!

2 Kommentare 6.9.12 17:35, kommentieren

KiTa Esperance

Vor zwei Wochen hat die KiTa „Esperanca“ (Hoffnung) nun wieder ihre schwere Metallschiebetüre geöffnet und empfängt täglich 17 Kinder zwischen 6 Monaten und 4 Jahren. Vier Professorinnen, 3 Koordinatorinnen, eine Köchin und bis zu 5 ehrenamtliche Helfer sind vor Ort und kümmern sich von 8:00 bis 17:30 Uhr um sie. Alle der Kinder kommen aus sozial schwachen Familien. Die staatlichen KiTas sind überfüllt und der Andrang auf einen Platz ist sehr groß. Die KiTa befindet sich mitten im Rotlichtviertel Sao Paulos und ist somit für die Eltern und Kinder gut erreichbar. Ich könnte nun sehr viel über die Arbeit und Kinder berichten, möchte aber an dieser Stelle nur kurze Gedanken und Geschichten aufschreiben: 1. Die Hintergründe der Kinder sind sehr verschieden und manche leben in schrecklichen Verhältnissen. Die Mutter von Linda (Name geändert) lernte ihren Vater im Gefängnis kennen, als sie ihren Bruder besuchte. Dieser schwängerte sich noch während seiner Haft. Als er entlassen wurde suchte er sich sofort andere Freundinnen. Die Mutter lebt in sehr armen Verhältnissen. Anna (Name geändert) ist die Tochter eines 16-jährigen drogenabhängigen Mädchens, das nicht in der Lage ist für sie zu sorgen. Auch der Vater ist suchtkrank und Anna wächst bei ihrer Großmutter auf. Diese wohnt in einem besetzen Haus, d. h. die dort lebenden Menschen zahlen keine Miete und leben dort illegal. Es gibt keinen Strom und kein Wasser. 2. Für mich war es sehr schön fünf der Kinder, die ich noch von der Zeit meines FSJs kannte, wieder zu sehen. Die kleine Chintia (Name geändert), die nie essen wollte und so viel geschrien hat, erklärte mir neulich wie man einen Lippenstift benutzt. Als ich ihren Erläuterungen nicht richtig nachkam, nahm sie in mir energisch aus der Hand und schmierte ihn mir darauf. 3. Manche Kinder haben kein Problem damit mitten auf dem Flur oder im Raum ihr großes Geschäft zu erledigen. Manchmal tun sie den Mitarbeitenden auch einen Gefallen und erledigen nur ihr kleines Geschäft auf diese Weise . 4. Es ist schön zu sehen wie gerne die Kinder kommen und einige Stunden außerhalb des Umfelds voller Gewalt, Drogen und Prostitution entkommen können. Dennoch freue ich mich auch unglaublich auf die Zeit, die ich im Zentrum der CENA verbringen werde. Dort gibt es hauptsächlich niederschwellige Angebote wie Essen, Kaffee trinken, Fußballschule, etc. für Randgruppen, wie Obdachlose, Drogenabhängige, Prostituierte und Transvestiten. Ein weiterer Arbeitszweig ist Streetwork und Präventionsarbeit mit den Kindern aus der Unmgebung.

1 Kommentar 17.8.12 12:39, kommentieren

Was das Netz noch braucht...

Da es im Netz schon unglaublich viele Erfahrungsberichte über Auslandssemester gibt, dachte ich, dass die Welt auf jeden Fall auch noch einen von mir haben sollte. Jedoch werde ich euch versprechen, dass ich mich kurz halte (später hinzugefügt: ist mir nicht ganz gelungen). Bericht: 30.Juli 2012: Christiane S. hat bei einer Freundin übernachtet und macht sich frühmorgens um 5:50 Uhr auf den Weg zur Bushaltestelle. Weil sie der Meinung ist alle Busse, die in der Millionenstadt Sao Paulo an dieser Haltestelle vorkommen, fahren in Richtung der Pontificia Universidade Catholica , steigt sie einfach mal in den nächsten Bus ein, der vorbeirauscht. Natürlich liegt sie damit nicht ganz so richtig und kommt fast 2 Stunden zu spät. Da ihr die Raumnummer nicht mitgeteilt wurde wartet sie vor Ort noch 2 Stunden bis das International Office öffnet. Fazit: Erste Vorlesung verpasst. 2. August 2012: Im zweiten Anlauf schafft es Christiane S. ohne Zwischenfälle rechtzeitig zu angegebenen Vorlesungsbeginn um 7:30 an der Uni zu sein. Vor Ort wird sie dann von einer Mitstudentin unter die Fittiche genommen und aufgeklärt, dass vor 8 bzw. 8:20 Uhr keine Vorlesung beginnt. Nachdem die Professorin nicht erscheint, erklärt sich die Koordinatorin des Studiengangs bereit sich telefonisch mit ihr in Verbindung zu setzten. Fazit: 2. Vorlesung fällt aus. 3. August 2012: Diesmal kommt Christiane S. um 8 Uhr an der Uni an, die Professorin ist vor Ort und die Vorlesung findet statt. Nach 3 Stunden ununterbrochenem Unterricht der von einer sehr brasilianischen Dozentin gehalten wird (in allen möglichen Tonlagen, in jeder Lautstärke und mit viel Körpereinsatz) macht sich Christiane S. auf den Heimweg. Fazit: 3. Vorlesung wurde besucht und fand statt. 6. August 2012: Wieder einmal tritt Christiane S. frohgemut den Weg zur Universität an. Als sie um 8:20 Uhr immer noch nur mit einem Mitstudenten allein im Vorlesungssaal sitzt, machen sich die beiden auf die Suche nach der Dozentin und dem Rest des Jahrgangs. Nach 30 Minuten vergeblichen Suchens, erfahren die beiden, dass die Vorlesung nicht stattfindet. Fazit: 4. Vorlesung fällt aus. 9. August 2012 Auf alles vorbereitet, trifft Christiane S. einen sehr sympathischen Kurs inkl. Dozentin und stellt sich der Herausforderung auf Portugiesisch zu lernen wie man in Brasilien welche Dokumente für KlientInnen der Sozialen Arbeit verfasst. … Never ending Story…. Zum Abschluss noch ein paar Randbemerkungen: 1. Man wird in der ersten Vorlesung schon zu Festen eingeladen und in den zweiten schon das Wochenende bei einem Mitstudierenden zu verbringen. 2. Zuspätkommen und früher gehen ist kein Problem. 3. Obwohl es einen Raumplan gibt, findet die Vorlesung auf keinen Fall in dem angegebenen Raum statt. 4. Manche Professoren bitten die Studenten bei ihren schriftlichen Studienleistungen die Schriftgröße 13 zu nehmen, damit sie die Arbeit besser lesen können.

3 Kommentare 17.8.12 03:40, kommentieren

Super - Telenovella

Braslien ist sehr bekannt für die vielen Telenovellas. Ich erlaube mir zu sagen, dass diese für deutsche Verhältnisse sehr übertrieben sind und dennoch großes Suchpotential aufweisen. (Für alle unwissenden: Telenovellas sind fiktive nie Ende Geschichten über Intrigen, Liebe, Hass, Geld, Macht, etc.) Es gibt allerdings einen Ort in Brasilien an welchem sich solche Geschichten alltäglich abspielen und zwar nicht fiktiv. An diesem Ort habe ich mein letztes Wochenende verbracht und werde den letzten Teil meines Praxissemesters absolvieren. Schauplatz: Eine rießige Farm mitten im Urwald Brasiliens (ca. 1 Stunde von Sao Paulo entfernt). Es gibt ein Haus für ca. 40 Männer. Es gibt ein Haus für ca. 10 Frauen. Es gibt 3 Häuser für 5 Mitarbeiter und ihre Kinder. Es gibt einen großen See, Gemeinschaftsräume, eine Großküche, ein Fußballplatz und diverse Felder und Beete die von den dort lebenden Menschen bepflanzt und bearbeitet werden. Ich könnte euch jetzt viele Geschichten über Intrigen, Lügen, Machtspiele und Konflikte erzählen, wie in einer Super -Novella. Aber was viel wichtiger ist, dass hier auch Menschen kommen und verändert wieder gehen, postiv verändert. Am Sonntag durfte ich bei der Verabschiedung einer Bewohnerin dabeisein, die neun Monate Therapie hinter sich hat. Sie kam als abhängige, abgehärtet, aggressive und immer nach Konflikten suchende Frau und ging wieder als unabhängige, taffe und freundliche Frau, die Tränen der Freude weinte und ihre sich die letzten beiden Wochen rührend um ihre kleine Tochter sorgte. Es ist ein Ort an dem Menschen aus allen Bildungsschichten zusammenkommen, an dem Menschen aus reichen Familien und welche, die über 20 Jahre auf der Straße lebten zusammentreffen - dieser Ort ist das Rehabilitationszentrum der Einrichtung CENA - die Farm Nova Aurora. Hier können bis zu 50 Menschen eine neunmonatige Therapie machen. Für mich war es unglaublich nach 2 Jahren wieder an diesen Ort zurückzukehren. Während ich über das Gelände ging kamen mir viele Erinnerungen an Menschen und Begebenheiten wieder auf. Manch machten mich traurig, weil ich weiß, dass Personen wieder rückfällig geworden sind, andere machten mich unglaublich glücklich. Beispielsweise kam am Sonntag ein Ehemaliger auf die Farm der immer eher dazu neigte, wieder abzustürzen und dem es jetzt sehr gut geht. Fazit: Es ist der Ort der Super-Telenovela an dem ich ein Stück meines Herzens gelassen habe und mich sehr darauf freue für zwei Monate wieder ein Teil davon sein zu dürfen. Kurze Anmerkung: Es war sehr schön auch die Mitarbeiter wieder zu treffen und zu sehen, dass die zwei Jahre die Beziehungen noch tiefer geworden sind und mir Vertrauen entgegengebracht wird .

2 Kommentare 1.8.12 03:37, kommentieren

Obdachlosenspeisung und mehr...

Eine gepflasterte Vorhalle, eine durch Glasscheiben abgetrennte Großküche, eine Turnhalle - vor der Türe liegen Menschen eingehüllt in zerfetzte Decken, ohne Schuhe, schmutzig. Manche von ihnen stehen und warten stumm, andere sind aggressiv und wollen so schnell wie möglich eingelassen werden. Nein, dies ist kein einmaliger Report über die sozialen Probleme eines Schwellenlandes, sondern für die Mitarbeiter der Einrichtung CENA (Communidade Evangelica Nova Aurora, übersetzt: Evangelische Gemeinschaft Neue Morgenröte) ein wöchentlich wiederkehrendes Bild - beinahe Alltag. Jeden Dienstag können obdachlose und drogenabhängige Menschen in der Einrichtung Essen und Duschen, es gibt einen kurzen Impuls und die Möglichkeit mit den Mitarbeitern über Probleme zu sprechen. Der Dienstag gehört zu meinen Lieblingstagen. Er ist einer der herausfordernsten, aber auch zufriedenstellensten Tage der Woche. Die letzten beide Male war ich hauptsächlich in der Dusche bei den Frauen mit verantwortlich. Ich mag diesen Bereich sehr, weil man mit den Frauen gut ins Gespräch kommt. Sie erzählen, wie viele Kinder sie haben, dass sie nicht wissen wo diese jetzt sind, welches Parfüm sie bevorzugen und wo sie die Nacht verbringen wollen...und manchmal beginnen sie auch laut und aggressiv zu werden, beschimpfen einen und werden beinahe handgreiflich. Ich war bisher an nur zwei Dienstagen mit dabei und was die Arbeit hier so spannend macht, sind die Höhen und Tiefen die man erlebt. In einem Moment muss man jemanden wegschicken, weil er sich nicht an Regeln hält, im nächsten Moment begegnet man jemanden, der endlich eine Therapieplatz bekommen hat und voller Hoffnung in die Zukunft blickt. In einem Moment fühlt man sich beinahe ohnmächtig von dem Elend und der Macht der Sucht und im nächsten Moment taucht jemand auf den man zwei Jahre nicht mehr gesehen hat und dachte er ist tot. Trotz aller Herausforderungen merke ich, wie sehr ich diese Arbeit mag und mich auch unter den Mitarbeitern sehr wohl fühle. Auch mit der Verständigung klappt es super. Im Gegensatz zum letzten Mal kann ich Gespräche mit den Menschen führen und alles verstehen...auch wenn ich das manchmal am liebsten nicht will ...

2 Kommentare 1.8.12 02:55, kommentieren

Gewohnt - und doch anders :)

Hallo ihr lieben, weil ich ja nun ein Jahr lang nicht persönlich mit euch Kaffeekränzchen halten, shoppen, besuchen, joggen, tanzen,... gehen kann, dachte ich wir könnten das vielleicht auf virtueller Ebene versuchen . Also nun ein paar kurze Updates zu meiner Person: 1. Ankunft: Am Samstag bin ich gut in Sao Paulo angekommen. (Anmerkung: Ich hatte die Chance auf 600€ inkl. Hotelübernachtung aufgrund einer Überbuchung, aber der Reiz in 12 Stunden in Brasilien zu sein war einfach zu groß. Das nächste mal dann . Dafür war meine brasilianische Sitznachberin ein großer Segen, denn genau wie ich, musste sie in Rio umsteigen und zu zweit war das einfach angenehmer. Nebenbei hatte ich gleich die Möglichkeit mich an das brasilianische Zeitmanagement zu gewöhnen, denn nachdem wir in Rio gefühlte Stunden im Dutyfreeshop uns über verschiedenste Whiskysorten beraten haben lassen, verpassten wir beinahe unseren Anschlussflug nach Sao Paulo.) 2. Rahmenbedinungen: Ich werde nun für ein Jahr in Sao Paulo leben und zwei Semester hier studieren. Das erste halbe Jahr werde ich in der sozial- diakonischen Einrichtung CENA verbringen, die mit den Randgruppen im Stadtzentrum Sao Paulos arbeitet. Im August werde ich in einer Kindertagesstätte für Kinder ab 4 Monaten aus sozial schwachen Familien tätig sein. 3. Gefühlslage : Nach dem gefühlstechnischen Auf und Ab der Verabschiedung von gaaaaaaaanz lieben Freunden in Deutschland, überwog die Vorfreude bei der Landung in Sao Paulo. Die Gerüche, die Straßen, die Menschen alles scheint so normal und gewohnt und doch nicht. Manche Wege gehen sich von alleine und ich habe mich bis jetzt noch nicht verlaufen - das ist, wie manchen von euch bekannt ist, für mich etwas sehr besonderes . Noch viel mehr freute mich alte Bekannte wiederzutreffen und zu sehen wie gut es ihnen jetzt geht. Das macht mich sehr glücklich. 4. Schlussbemerkung: Ich freue mich sehr auf die kommende Zeit und bin gespannt auf die Arbeit und vor allem die Begegnung mit den Menschen. Vielen Dank für alle lieben Briefe und Nachrichten. A gente se fala logo - bis zum nächsten Mal

3 Kommentare 23.7.12 18:56, kommentieren